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Co-Creating meint, dass digitale Veränderung nicht für Mitarbeitende entwickelt wird, sondern mit ihnen. Es geht um gemeinsame Gestaltung – um das aktive Einbeziehen der Menschen, die später mit den neuen Tools, Prozessen oder Strukturen arbeiten. Statt fertige Konzepte „auszurollen", entsteht ein Prozess des gemeinsamen Lernens, Experimentierens und Anpassens. In Co-Creation-Formaten wird Zukunft ausprobiert, bevor sie implementiert wird.
Diese partizipative Herangehensweise steht im bewussten Kontrast zum klassischen Wasserfallmodell, bei dem Entscheidungen top-down getroffen und Lösungen dann „implementiert" werden. Co-Creating schafft stattdessen einen kontinuierlichen Dialog zwischen allen Beteiligten – von der Strategieebene bis zur operativen Umsetzung.
Digitale Transformation fordert von Organisationen nicht nur technologische, sondern vor allem soziale und kulturelle Innovationsfähigkeit. Wenn Mitarbeitende und Führungskräfte gemeinsam gestalten, geschieht Folgendes:
Eine weit verbreitete Annahme lautet: Wenn wir eine bewährte Standard-Lösung einführen – etwa ein etabliertes ERP-System, eine Best Practice-Plattform oder ein branchenübliches Tool – dann brauchen wir kein Co-Creating mehr. Schließlich ist die Lösung bereits erprobt, die Prozesse sind definiert, die Best Practices sind bekannt. Doch genau hier liegt ein kritischer Trugschluss.
Das System mag Standard sein – aber die Anwendung ist es nie. Jede Organisation hat ihre eigene Geschichte, ihre gewachsenen Abläufe, ihre spezifischen Kundenbedürfnisse und ihre einzigartige Kultur. Die Frage ist nicht, ob das neue System funktioniert – sondern wie es im konkreten Kontext funktionieren kann.
Hier macht Standardisierung Sinn. Bewährte Plattformen, etablierte Tools und Best Practice Prozesse bringen Stabilität, Skalierbarkeit und oft auch Kosteneffizienz. Diese Ebene sollte nicht neu erfunden werden.
Hier beginnt die eigentliche Arbeit – und hier ist Co-Creating unverzichtbar. Es geht um Fragen wie:
Widerstand entsteht nicht gegen das System, sondern gegen die Veränderung der Arbeitsweise. Wenn ein Team jahrelang mit bestimmten Prozessen gearbeitet hat, sind diese tief in der täglichen Praxis verankert. Ein neues System – so gut es auch sein mag – bedeutet zunächst: Verlust von Vertrautheit, neue Lernkurven, Unsicherheit.
Co-Creating schafft hier die Brücke: Mitarbeitende werden nicht zu Empfängern einer neuen Lösung, sondern zu Gestaltern des Übergangs. Sie arbeiten gemeinsam daran, wie bestehende Prozesse optimiert, verschlankt oder neu gedacht werden können – im Rahmen der technischen Möglichkeiten des neuen Systems.
Ein mittelständischer Fertigungsbetrieb führt ein standardisiertes ERP-System ein. Das System selbst wird nicht verändert – aber die Art, wie Produktionsplanung, Materialwirtschaft und Qualitätssicherung damit arbeiten, muss neu gestaltet werden.
Diese Fragen können nicht von externen Beratern oder der IT-Abteilung allein beantwortet werden. Die Expertise liegt in den Köpfen derer, die täglich mit den Prozessen arbeiten.
Die Umsetzung von Co-Creation in digitalen Transformationen – ob bei individuellen Entwicklungen oder bei der Einführung von Standard-Lösungen – kann vielfältige Formen annehmen:
Ein Vertriebsteam arbeitet seit Jahren mit Excel-Listen für Kundenanfragen. Die neue CRM-Lösung ist Standard und wird nicht angepasst. Im Prozess-Mapping Workshop stellen sie fest: "Wir filtern unsere Anfragen nach Dringlichkeit mit Farbcodes – rot, gelb, grün." Das CRM bietet diese Farbcodes nicht, aber es hat Status-Felder und Prioritäten. Gemeinsam entwickeln die Teilnehmenden ein neues Schema, das die bisherige Logik im neuen System abbildet. Resultat: Das Team hat das Gefühl, dass "ihre" Arbeitsweise auch im neuen System funktioniert – nur eben anders.
Eine besondere Herausforderung entsteht in Organisationen mit dezentraler Struktur – etwa in Verbänden, öffentlichen Verwaltungen, Franchise-Systemen oder Konzernstrukturen mit autonomen Einheiten. Hier geht es nicht nur darum, ein neues System einzuführen, sondern oft auch darum, historisch gewachsene, unterschiedliche Prozesse zu vereinheitlichen.
Die Ausgangssituation: Jede Einheit – sei es eine Kommune, eine Regionalstelle oder eine Niederlassung – hat über Jahre eigene Arbeitsweisen entwickelt. Diese sind nicht willkürlich entstanden, sondern Antworten auf lokale Gegebenheiten, unterschiedliche Rahmenbedingungen oder spezifische Zielgruppen. Wenn nun eine gemeinsame digitale Lösung eingeführt wird, stellt sich die Frage: Welche Prozesse werden Standard? Wer bestimmt das? Und wie gehen wir mit berechtigten lokalen Besonderheiten um?
Hier wird Co-Creating zum unverzichtbaren Instrument, um verschiedene Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsame Prozesse zu entwickeln, die von allen mitgetragen werden.
Ein Verband mit 50 Mitgliedskommunen führt ein gemeinsames Fachverfahren ein. Bisher hat jede Kommune eigene Prozesse für Antragsbearbeitung, Prüfung und Bewilligung. Die Unterschiede sind teilweise erheblich: Kommune A hat ein Vier-Augen-Prinzip, Kommune B arbeitet mit Einzelzeichnung. Kommune C bindet externe Gutachter früh ein, Kommune D erst am Ende. Manche arbeiten mit Papierakten, andere bereits digital.
Im Co-Creation-Prozess werden Vertreter aller Kommunen eingebunden:
Dieser Satz fällt in jedem föderalen Transformationsprojekt. Co-Creating macht diese Unterschiede besprechbar und prüfbar: Ist es wirklich anders? Warum? Und ist dieser Unterschied im neuen System abbildbar oder müssen Arbeitsweisen angepasst werden?
Indem lokale Praktiker aktiv mitgestalten, wird dieses Narrativ durchbrochen. Es gibt keine "Zentrale vs. Basis" mehr, sondern ein gemeinsames Ringen um die beste Lösung.
Co-Creating unterscheidet explizit zwischen notwendiger Standardisierung und sinnvoller Autonomie. Diese Klarheit nimmt Ängste.
Das Ergebnis: Ein gemeinsamer Prozess, der nicht der kleinste gemeinsame Nenner ist, sondern die Stärken verschiedener Ansätze integriert. Und: Eine Organisation, die gelernt hat, über Einheitsgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten – eine Fähigkeit, die weit über das aktuelle Projekt hinaus wirkt.
Ausgewählte Teams arbeiten als erste mit dem neuen System und werden zu Multiplikatoren. Ihre Erfahrungen und Optimierungsvorschläge fließen in die weitere Ausrollung ein. Diese Power User kennen sowohl die alte als auch die neue Welt und können authentisch vermitteln.
Regelmäßige Formate nach dem Go-Live, in denen Mitarbeitende konkrete Herausforderungen aus ihrem Arbeitsalltag einbringen können. In moderierten Sessions wird gemeinsam nach Lösungen gesucht – manchmal durch bessere Systemnutzung, manchmal durch Prozessanpassung, manchmal durch neue Teamabsprachen.
Co-Creating verändert die Rolle von Führungskräften fundamental. Statt Entscheidungen zu treffen und Vorgaben zu machen, werden sie zu Ermöglichern und Raumhaltern. Ihre Aufgaben umfassen:
Co-Creating in digitalen Transformationen ist kein Selbstläufer. Organisationen begegnen dabei typischen Herausforderungen:
Bei Best Practice-Lösungen entsteht oft die Versuchung, "nur noch diese eine Kleinigkeit" anzupassen. Co-Creating hilft hier, transparent zu machen, wo Anpassungen wirklich nötig sind und wo Teams lernen können, anders zu arbeiten. Die Kunst liegt darin, den Standard zu respektieren, ohne die spezifischen Bedürfnisse zu ignorieren.
Je verschiedener die Perspektiven, desto produktiver – und herausfordernder – die Zusammenarbeit. Konflikte sind nicht nur normal, sondern oft Zeichen lebendiger Co-Creation. Sie produktiv zu nutzen, erfordert Reife und Methodik.
Für Berater, die digitale Transformationen begleiten, ist Co-Creating kein zusätzliches "Nice-to-have", sondern eine Kernkompetenz. Die Rolle verschiebt sich vom "Lösungslieferanten" zum "Prozessbegleiter und Enabler".
Von "Wir zeigen euch, wie es geht" zu "Wir entdecken gemeinsam, wie es bei euch funktioniert": Auch wenn Sie als Berater Best Practices aus vielen Projekten kennen, liegt das implizite Wissen über die Organisation bei den Menschen vor Ort. Co-Creating nutzt beides: Ihre Erfahrung als Impulsgeber und ihre Methodik als Strukturgeber, kombiniert mit dem Kontext-Wissen der Mitarbeitenden.
Statt fertige Prozessmodelle zu präsentieren, moderieren Sie Workshops, in denen diese Modelle gemeinsam entwickelt oder adaptiert werden. Das braucht andere Fähigkeiten: Fragetechniken statt Präsentationstechniken, Visualisierung statt PowerPoint, Moderation von Konflikten statt Harmonisierung.
Ihr Erfolg misst sich nicht daran, ob die Lösung eingeführt wurde, sondern daran, ob die Organisation gelernt hat, mit Veränderung umzugehen. Co-Creating baut diese Fähigkeit systematisch auf.
Co-Creating verschiebt den Fokus von Projektmanagement zu kollektiver Gestaltung. Digitale Transformation wird so nicht gesteuert, sondern getragen – von Menschen, die sich als aktive Teilnehmende des Wandels verstehen. Organisationen, die Co-Creation bewusst fördern, schaffen Räume, in denen Technologie, Kultur und Strategie miteinander in Resonanz kommen.
Diese Bewegung entfaltet Eigendynamik: Teams, die einmal die Kraft gemeinsamer Gestaltung erlebt haben, suchen nach weiteren Gelegenheiten zur Partizipation. Eine Kultur des Co-Creating beginnt sich selbst zu verstärken und prägt die DNA der Organisation.
Die digitale Transformation wird so vom gefürchteten Change-Projekt zur geteilten Lernreise, auf der Unsicherheit nicht verdrängt, sondern gemeinsam navigiert wird. Das erzeugt nicht nur bessere Lösungen, sondern auch eine Organisation, die grundsätzlich anpassungsfähiger, innovativer und menschenzentrierter wird.
Gerade im Kontext zunehmender Automatisierung und KI-Integration wird Co-Creating noch bedeutsamer. Wenn intelligente Systeme Aufgaben übernehmen, müssen Menschen umso mehr verstehen, wie sie mit diesen Technologien zusammenarbeiten wollen. Die Gestaltung dieser Mensch-Maschine-Schnittstellen kann nicht allein Technologen überlassen werden – sie erfordert die Perspektive derer, die täglich mit diesen Systemen arbeiten.
Co-Creating schafft auch einen Rahmen für die ethische Dimension digitaler Transformation: Welche Werte sollen unsere digitalen Lösungen verkörpern? Welche Auswirkungen auf Arbeit, Zusammenarbeit und Unternehmenskultur sind gewünscht? Diese Fragen lassen sich nicht top-down beantworten – sie brauchen den Dialog aller Beteiligten.
Digitale Transformation gelingt nicht durch Technologie, sondern durch gemeinsam gestaltete Veränderung. Co-Creating ist dabei kein „Soft Skill", sondern ein strategischer Hebel: Es verbindet Technologie mit Sinn, Innovation mit Identität und Menschen mit Zukunft.
In einer Zeit beschleunigten Wandels wird die Fähigkeit zur gemeinsamen Gestaltung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Organisationen, die diese Fähigkeit systematisch entwickeln, transformieren nicht nur ihre Technologie – sie transformieren ihre Kultur und damit ihre Fähigkeit, auch zukünftige Herausforderungen zu meistern.
Die Frage ist nicht mehr, ob digitale Transformation gelingt, sondern wie – und mit wem.
Co-Creating gibt darauf eine klare Antwort: gemeinsam, partizipativ und menschenzentriert.
Prahalad, C.K. & Ramaswamy, V. (2004)
Sahay, S. & Goldthwaite, C. (2024)
Studien
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10. Dezember 2020
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